Juul Winterhart

Juul Winterhart

Juul Winterhart

SICHTBARKEIT ALS LANGER SCHATTEN FÜR KREATIVE

Willkommen im winterhart Blogcast mit ein paar Gedanken zu einem Thema, das uns gerade im Zeitalter digitaler Medien besonders beschäftigt, das sich allerdings als zweischneidiges Schwert erweisen kann – Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit. Gerade Künstlerinnen und Künstler kann Kritik besonders hart treffen und im äußersten Fall sogar gefährlich werden. Darum geht es unter anderem diesmal bei winterhart_außen „Sichtbarkeit als langer Schatten für Kreative“…

DIE MEDAILLE MIT ZWEI SEITEN

Es kann unschön sein: man bemüht sich um sein eigenes kreatives Werk, findet seinen ganzen Mut und geht damit nach draußen und schon ist sie da: die Bewertung. Gefragt oder ungefragt wirkt dies oft wie ein Appell an die eigene Persönlichkeit des Künstlers oder der Künstlerin, wo doch eigentlich der reine Prozess des Schaffens im Vordergrund stehen darf. Menschen, die bewusst die Öffentlichkeit suchen können dieser Tatsache nicht ausweichen, dass diese kein neutraler Raum ist, sondern eher eine Medaille mit zwei Seiten: Sie kann verbinden und Türen öffnen — aber sie kann ebenso Druck erzeugen, Grenzen auflösen und Menschen erschöpfen. Wer sichtbar werden will, sollte deshalb nicht nur lernen Aufmerksamkeit zu erzeugen, sondern auch verstehen, welche Risiken mit offener Präsenz verbunden sind.

Nadine Beiler hat treffend in der letzten Ausgabe von winterhart_dazwischen beschrieben wie persönlich getroffen man über die Beobachtung von außen wird. Sie hat noch in einer Zeit vor Insta, Facebook und Co. als Sängerin das landesweit größte Castingshow Format gewonnen und wurde damit in jungen Jahren zu einer Person der Öffentlichkeit: „Aber ich weiß noch früher bei Starmania, da hat es ja die Social Media noch nicht gegeben, aber da hat es immer so eine Seite im Internet gegeben, wo die Leute etwas posten konnten. Und wenn ich mir das durchgelesen habe, das war immer eine wilde Sache. Also wenn du da von den Leuten so bewertet wirst.“, erinnert sich Nadine Beiler an ihre Anfänge. Letztendlich hat sie darüber zu ihrer Stärke finden können und dies darf im Fall des Falles der entscheidende Weg jedes kreativen Menschen sein.

WIE BEGRIFFE DIE PERSÖNLICHKEIT SCHÜTZEN

Es ist keineswegs die Eitelkeit allein, die Menschen die Öffentlichkeit suchen lässt, denn oft steckt ein echtes Bedürfnis dahinter. Künstler wollen ihre Arbeit teilen. Kreative Menschen suchen Resonanz. Unternehmer wollen Kunden erreichen. Andere sehnen sich nach Verbindung oder Anerkennung. Das ist nachvollziehbar, denn Öffentlichkeit kann inspirierend sein. Sie kann Gemeinschaft schaffen und Chancen eröffnen, die ohne Sichtbarkeit nie entstanden wären. Aber dort, wo Öffentlichkeit ist gibt es auch viele persönliche Meinungen, die leider manchmal unpersönlich werden und mit einem reichhaltigen Diskurs längst nichts mehr zu tun haben. Um negativen Kommentaren den Nährboden zu entziehen ist es essenziell einige Begriffe rund um Äußerungen im öffentlichen Raum einzuordnen.

Es ist gerade der Diskurs, der für unsere Gesellschaft so wichtig ist und fruchtbare Debatten anstoßen kann. Wenn man diesen Begriff genauer betrachtet, stellt man allerdings fest, dass er oft umgangssprachlich gebraucht wird. Die theoretische Perspektive besagt, dass die Sprache als unvollständiges Netz Bedeutungsmöglichkeiten beschreibt, die so vielfältig sind, dass es nicht möglich sein kann eine objektive Aussage zu treffen. Der Diskurs darf sich also immer bewusst sein, dass die eine richtige Antwort offenbleibt.

Die Debatte bringt in ihrer ursprünglichen Form hier fundierte Argumente ein und wird sogar als Methode geführt mit dem Ziel im Diskurs verschiedene Sichtweisen aufeinander treffen zu lassen. Argumente werden zu einer vorgegebenen Frage in Pro und Contra geführt, um letztendlich ein Urteil zu bilden. Auch wenn dies durchaus emotional werden kann, müssen Gesprächsregeln eingehalten werden, die eine Debatte niemals persönlich werden lassen.  Auch die Meinungsfreiheit ist kein schrankenloses Recht das persönlich werden darf. Als subjektive Ansicht aufgrund des eigenen Erlebens kann die Meinung nicht bewiesen oder widerlegt werden. Oft ist sie kurzlebiger als zum Beispiel die Einstellung oder Überzeugung. Eine Meinung zu haben ist also eine wunderbare Sache, die Charakter ausdrückt und gerne auch ungewöhnlich sein darf – aber immer nur in der eigenen persönlichen Sphäre.

KONSTRUKTIVE KRITIK ALS MOTOR FÜR WACHSTUM

In die persönliche Sphäre tausender Castingkandidaten wird schon seit Jahren auf vielen Kanälen offiziell und mit erfolgreichen Quoten unter dem Deckmantel der Kritik eingetaucht. Gemeint ist die prüfende Bewertung, die eine lange Geschichte ausgehend von der Antike hat. Tatsächlich fußt sie immer auf methodischen und kontrollierten Grundlagen, kann darüber durchaus auch an eine Person gerichtet sein.

Dahingehend ist es immer ein bedeutender Unterschied, ob man sich dieser Kritik bewusst aussetzt und sogar dieses Urteil sucht oder ob man ungefragt gleichsam etikettiert wird. Die konstruktive Kritik ist also ein Werkzeug, das kreative Menschen auch aktiv ins Auge fassen können. Dabei darf man sich als privater Mensch losgelöst von seinen Veröffentlichungen erfahren und rein dem Werk selbst die Möglichkeit für Wachstum ermöglichen. Auch wenn sich damit wieder das Feld öffnen lässt für viele verschiedene Ansichten. Eines bleibt dem Künstler und der Künstlerin immer selbst überlassen: wie gehe ich mit Kritik der Anderen um? Setze ich die Hinweise, Meinungen oder Verbesserungsvorschläge in mein Tun überhaupt um? Die vielgepriesene konstruktive Kritik hat zwei herausragende Merkmale – sie ist wertschätzend und sie ist lösungsorientiert. Als Feedback funktioniert sie wie ein Spiegel, der Erkenntnisse ins Bewusstsein rücken darf und dies sollte nicht nur für kreative Menschen durchaus eine spannende Herausforderung sein.

SICHTBARKEIT ALS ANGRIFFSFLÄCHE

Sobald Inhalte öffentlich werden, verlieren Menschen einen Teil der Kontrolle darüber, wie sie wahrgenommen werden. Das Publikum entwickelt eigene Interpretationen, Erwartungen und Ansprüche. Genau dort beginnen die Risiken. Dabei gilt es noch einmal zu unterscheiden zwischen dem realen Radius, der Bewegung im öffentlichen Raum und dem nahezu unendlichen Raum an Rezeptionsmöglichkeiten in der digitalen Welt. Wer aufgrund der künstlerischen Arbeit zu Gast in den Kommentarspalten des Internets ist, kann ein Lied davon singen – teils völlig fern des eigentlichen Themas ergießen sich unnötig harte und ausfallende Äußerungen, die mit dem eigenen Werk oder der eigenen Person in Verbindung gebracht werden. Wer schon einmal einen „Shitstorm“ ausgelöst hat, berichtet, dass die Kommentare einfach unverhältnismäßig und zwischenmenschlich unverständlich gewesen sind.

DAS FENSTER FÜR PROJEKTIONEN

Das erschließt sich daraus, dass in der Öffentlichkeit Menschen oft auf Ausschnitte reduziert werden. Ein Beitrag, ein Satz oder ein Bild genügt, damit sich Interpretationen entwickeln. Das Problem dabei: Das Publikum sieht selten den ganzen Kontext. Es sieht nur Fragmente. Dadurch entstehen Missverständnisse, Projektionen und vorschnelle Urteile. Besonders im Internet verbreiten sich emotionale Reaktionen schneller als differenzierte Betrachtungen. Menschen können innerhalb weniger Stunden idealisiert oder öffentlich verurteilt werden. Oft basiert beides auf unvollständigen Informationen.

Durch regelmäßige Inhalte entsteht eine scheinbare Vertrautheit. Zuschauer oder Follower glauben, die Persönlichkeit hinter dem Bildschirm zu verstehen. Freundlichkeit wird manchmal als persönliche Einladung missverstanden. Gerade kreative Menschen geraten dadurch in schwierige Situationen. Sie möchten nahbar wirken, gleichzeitig benötigen sie Rückzug. In der äußersten Eskalation mündet dies im schlimmsten Fall sogar in Stalking, sei es in digitaler Form oder eigenen physischen Umgebung.

DER KÜNSTLER IN DER DEFENSIVE

Wegen der eigenen Kunst zum Beispiel verbal angegriffen oder verfolgt zu werden, trifft Künstlerinnen und Künstler oft besonders schwer. Es ist so etwas wie das eigene Innerste, das sich in der Arbeit zeigt und dieses wird nach Außen gekehrt. Umso tiefer gehen die Reaktion und der Umgang damit. Nur wer sich dieser Herausforderung bewusst stellt erkennt den Mut hinter der Sichtbarkeit. Wer öffentlich sichtbar ist, muss akzeptieren, dass die Kontrolle über die eigene Wahrnehmung begrenzt bleibt. Nicht jede Kritik kann verhindert werden. Nicht jede Fehlinterpretation lässt sich korrigieren. Das ist nicht gleichlautend damit, dass Kritik nicht stattfinden darf. In allen Bereichen nicht nur in der Kultur ist sie sogar notwendig und förderlich für einen fruchtbaren Austausch, wenn sie wie bereits ausgeführt konstruktiv bleibt.

Viele bekannte Kreativschaffende, ob in der darstellenden oder bildenden Kunst, haben sich dafür entschieden sich ganz zu verbergen oder zum Beispiel nur fragmentarisch zu zeigen. Dabei ist der Schutz der Privatsphäre nur ein Grund neben anderen möglichen Überlegungen. Während die Sichtbarkeit, was die Persona an sich betrifft, eingeschränkt ist, steigt nicht nur der subjektive Faktor an Privatsphäre. Oft ist es auch ein klarer Hinweis, dass es das künstlerische Schaffen sein soll, welches im Vordergrund steht und nicht eine vermeintlich öffentliche Biografie. Über diese Art der Herangehensweise an die Thematik eröffnen sich völlig neue Felder als Projektionsfläche fürs Publikum. Mitunter wird die Möglichkeit gegeben in eine konstruierte Welt einzusteigen, die fernab eines speziellen Individuums als Gesamtkonzept funktioniert.

VERSCHIEDENE GESCHMÄCKER ABER MIT RESPEKT

Unsere Zeit allerdings belohnt Sichtbarkeit stark. Wer öffentlich präsent ist, kann Chancen erhalten und Menschen erreichen. Doch Öffentlichkeit hat ihren Preis.

Je sichtbarer ein Mensch wird, desto wichtiger werden Grenzen, Selbstschutz und innere Stabilität. Als kreativer Mensch darf man sich stets selbst rückversichern, indem man die Freude am Schaffungsprozess bewahrt und sich die Frage stellt, ob man am betreffenden Werk auch ohne mögliches Publikum mit Hingabe arbeiten würde. Dann nämlich ist die Rezeption unabhängig von den eigenen Werten, Zielen und Vorstellungen.

Die Fähigkeit sichtbar zu sein und sich gleichzeitig selbst zu bewahren, gehört vielleicht zu den wichtigsten Herausforderungen der digitalen Gegenwart. Manchmal besteht wahre Stärke nicht darin, möglichst viel von sich preiszugeben, sondern darin zu wissen, wo die echte Welt ihre Bühne hat. Nadine Beiler hat in ihrer Karriere ihren ganz eigenen Frieden damit geschlossen: Vielleicht ist mir das im Laufe meines Lebens dann einfach egal geworden, was die Leute so sagen, weil egal was man macht, die einen taugt es, die anderen taugt es nicht.“ Die Geschmäcker sind auch einfach verschieden, trotzdem darf der Mut mit seinen eigenen Ideen in die Sichtbarkeit zu kommen mit Respekt belohnt werden und die willkommene Kritik auf der konstruktiven Seite bleiben.

BLEIB WINTERHART

„Sichtbarkeit als langer Schatten für Kreative“ – das war das Thema dieses Blogcasts aus der Rubrik winterhart_außen, den es zum Lesen und zum Nachhören gibt. Wenn dich Themen wie diese interessieren oder inspirieren freut sich das Projekt, wenn du das mit Menschen teilst, die gerade ähnliche Wege gehen. Für all diese Wege wünschen wir nur das Beste und natürlich heißt es wie immer „Bleib winterhart!“ 

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